BLUES PILLS - Frankfurt

Konzert vom 31.03.2026

Support: DEWOLFF

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BLUES PILLS
DEWOLFF

Erwachsen geworden sind die beiden großen Nachwuchshoffnungen des europäischen Retro Rock, in sie gesetzte Erwartungen konnten sie nicht ganz erfüllen. Die Niederländer waren noch keine achtzehn beim ersten Plattenvertrag, ihr von der Orgel getriebener psychedelischer Sound konnte sich nicht auf breiter Ebene durchsetzen. Die Kritiker überschlugen sich zwar, aber die Clubs wurden nicht größer. Da waren die Schweden mal weiter, ihr zweites Album war Nummer Eins in Deutschland, die großen Clubs voll. Mit dem Ausstieg von Gitarrist Dorian Sorriaux begann der Niedergang, zuletzt war man eher als Vorband unterwegs. Nun legen DEWOLLF und die BLUES PILLS ihre Talente zusammen und gehen gemeinsam auf „Double Bill“-Tour, FFM-ROCK war in Frankfurt dabei.

DEWOLFF
An dem Abend musste zuerst das Trio aus dem Nachbarland auf die Bühne, die es nicht voll ausnutzte. Immerhin sitzen zwei Musiker hinter ihren Instrumenten, während Frontmann Pablo van der Poel sich zwei Mikrofone auf die Bühne gestellt hat. Er musste das Stageacting quasi alleine stemmen, dabei war ihm der von Orgel und Drumkit begrenzte Platz zu klein, so dass er Kreise drehen musste. Was seine Entertainerfähigkeiten kaum einschränkte, ich habe ja schon gesehen, dass der Mann für größere Bühnen gemacht ist. Immer wieder feuerte er das Publikum an oder kündigte seine Mitmusiker an. Zwischen den Titeln kamen launige Ansagen, die nicht frei von Zoten waren, einmal verteilte er sogar Bandmerch wie Sticker oder Tassen.

Seinen verschiedenen Gibson-Modelle entlockte er die feinen Riffs, die sich weit öffneten und seinen Mitstreitern Raum gaben sich zu entfalten. Bei den Soli bewies er nicht nur Feeling und Fingerfertigkeit, sondern auch vollen Körpereinsatz, wirbelte seine edlen Äxte umher. Einmal packte es ihn und er vollführte den Lambeau Leap auf der Hammond von Robin Piso. Wobei er gesanglich gar nicht so viel gefragt war, denn die beiden spielten sich die instrumentalen Bälle die ganze Zeit nur so zu. Selbiges tat er auch bei den Vocals mit seinem Bruder Luka, der hinter den Drums wunderbare Harmoniegesänge beisteuerte, die sich perfekt ergänzten. Ohnehin war der Gesang mitseiner hohen Stimme eher dezent den psychedelischen Mustern angepasst, wie auch souligen Wurzeln.

Das brachte eine sehr hohe Dynamik, mit der vor allem das abschließende zwanzigminütige „Rosita“ zum großen Epos mutierte. Nicht nur deswegen kamen sie in ihren 75 Minuten nur auf acht Lieder, die eher knappen originalen Kompositionen wurden auf der Bühne mit ausufernden Soloeinlagen gestreckt. Dabei konzentrierte man sich eher auf das jüngere Werk, der älteste Titel war das ruhige „Tired Of Loving You“, der Rest alle aus dem Jahrzehnt. Da blieben einige alte Hits auf der Strecke, hält die Truppe aber dadurch relevant.
Für die Dynamik zeichnete sich auch das variable Spiel von Luka van der Poel verantwortlich, der einen interessanten Swing mitbrachte. Auf den ersten Blick rührte er herum wie ein Ian Paice, aber da war mehr Lässigkeit in seinen Schlägen, die vom simplen Groove in irre Figuren und zurück wechselten. Manchmal wurden die Becken nur zart gestrichen, dann kam auch wieder ein aggressiver Ausbruch. Dabei nie sonderlich konzentriert, sondern die Sticks sehr locker gehalten und mit allen Freiheiten für seinen stimmlichen Beitrag.

Jene dezente Herangehensweise zeigte auch Piso an den Tasten, die oft die Führungsarbeit übernahmen und die sechs Saiten zur rhythmischen Untermalung degradierten. Was den Sänger wohl dazu veranlasste ihn mehrmals heraus zu fordern, wenn die Solospots hin und herwogen. Dabei war den beiden die Spielfreude anzusehen, auch die Blicke, die sie ständig tauschten, der Frontmann lobte seinen Sidekick dazu bei jeder gelungenen Einlage.
Ohnehin agierten die Niederländer sehr dicht, was sich auch in authentischen Seventies-Corporate Identity niederschlug. Am meisten verblüffte der Ton des Tastenzauberers, der warm daherkam und wunderbar an den großen Jon Lord erinnerte. Wo andere das Leslie zu sehr rotieren lassen und die Orgel zu sehr röhren drückte er die Hammond viel luftiger. Man konnte gar nicht genug bekommen von den beiden und bekam zum Ende die volle Ladung umjubelter Soloeskapaden.

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BLUES PILLS
Wie sollte die runderneuerte in Schweden beheimatete Combo das Feuerwerk aus Feeling und Power noch toppen? Ganz einfach, indem sie alle Register in letztgenannter Disziplin zog und von Beginn an furios loslegte. Der typische, lauernde Groove des Openers ließ einen noch kurz verschnaufen, bevor die Frontfrau völlig entfesselt wurde. Wirkte Elin Larsson vor einige Jahren noch zurückhaltender, und schien ein wenig angeschlagen, war sie an dem Abend der personifizierte Wirbelwind. Rauf auf den Drumriser, wieder runterspringen, rauf auf die Monitore und weiter gehüpft, selbst hinterm Schlagzeug war sie zu finden. Wie sich die Dame mit ihren hochhackigen Stiefeln nicht alles brach, bleibt ein Rätsel, so eine Performance leisten viele nicht in besten Gymnastikschuhen aus Herzogenaurach.

Sogar die Boxen vor der Bühne reichten ihr zur Erweiterung ihres Radius nicht aus, mehrfach stieg sie über die Barriere ins Publikum, so weit das eifrig nachgeschobene Mikrokabel reichte. Am Ende des regulären Sets dirigierte sie ihre Mitmusiker in eine Jam und löste höchstselbst einen Moshpit aus. Beim Blues Rock wohlgemerkt, kann man mal machen. Dabei ließ sie zu keinem Augenblick ihre stimmlichen Fähigkeiten missen, sondern brachte ihren Beitrag sauber in ihrem waghalsigen Stageacting unter. Jeden Ton lebte sie mit, windete sich in die Emotionen hinein, egal ob sie fein hauchte oder mit voller Wucht hinausschrie. Gekleidet in einen kurzen paillettenbesetzten Einteiler, der ihre langen Beine deutlich hervorhob versprühte die Garderobe mehr Chic als ihr Bühnengebaren.

Dabei war das nicht die einzige weibliche Betonung des Abends, aus der ehemals multinationalen Band ist fast eine reine Frauentruppe geworden. Seit geraumer Zeit sitzt Lina Anderberg zumindest bei Konzerten auf dem Schemel, Anfang des Jahres übernahm Agnes Roslund das Langholz von Kristoffer Schander. Analog zu ihrer Sängerin waren auch deren Hosen mit Pailletten besetzt, wobei bis zum Bachnabel hochgezogene weite Hosen derzeit in Mode zu sein scheinen. Ein luftiges Top gehört wohl auch dazu, davon war bei der Bassistin wenig zu sehen ob ihrer wallenden Mähne, die sie unentwegt schwenkte. Eher auf der linken Flanke verhaftet bestand ihr Workout an dem Tag aus Kniebeugen, das auf und ab dürfte am Ende der Tour ihren Oberschenkelumfang deutlich vergrößert haben.

Mit ihrem Rickenbacker fügte sie den Kompositionen genau diese hypnotische Schwere hinzu, von der die BLUES PILLS leben. So schleppen sich die fiebrigen Motive dahin, bis die tief gestimmten Saiten plötzlich losklackerten und die Titel anziehen. Anderberg lieferte den richtigen Ton dazu, verweilte oft auf der tiefen Tom, um dann mit Swing loszulegen, die Sticks dabei weit oben gehalten. So transferierte die Rhythmusfraktion auch die neuen Stücke in den klassischen Bandsound, etwas weg von der postmodernen Produktion der jüngsten Scheiben.
Ist hier das explosive Element noch vorhanden, so vermochte es Anderson auf der Bühne ebenso nicht ganz, diese aufrecht zu erhalten. Er hatte zwar einen warmen Ton, der bluesige Soli ins Schweben versetzte, aber die feine Klinge seines Vorgängers focht er nicht. Sicherlich ein technisch beschlagener Saitendehner, aber ohne das gewisse Extra, der auch in der Livesituation zu ruhig blieb und zu wenig von sich offenbarte. So fehlte dann auch die notwendige Schärfe, wenn die treibenden Passagen die Menge in Wallung brachten.

Es kommt ihm sicher gelegen, dass vom zweiten Album nur der Titeltrack zum Zug kommt, wobei einige Glanznummern schon vermisst werden. Natürlich wird das famose Debüt auf ewig im Vordergrund stehen, sogar aus den EPs davor finden sich Auszüge im Programm. Natürlich darf der absolute Vorzeigesong nicht fehlen, weswegen jeder wusste dass noch etwas kommt, als sich die BLUES PILLS nach gut einer Stunde verabschiedeten. Am Ende glichen sich die Spielzeiten der beiden immer noch aufregenden Retro Rockacts an. Natürlich versuchten viele im Publikum beim Intro an Elin Larsson heran zu reichen, aber mit dem Talent sind nur ganz wenige gesegnet, dafür gab die Menge noch einmal alles und wogte in den schweren Rhythmen in die Nacht hinein.

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Setlist BLUES PILLS:
High Class Woman
Kiss My Past Goodbye
Bliss
Proud Woman
Top Of The Sky
Black Smoke
Doom Transit/Atral Plane
Birthday
Don´t You Love It
Lady In Gold
Low Road
Bye Bye Birdie
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Little Sun
Devil Man