DREAM THEATER - Quarantième: Live À Paris

11 dreamtheater

VÖ: 28.11.2025
(InsideOut/Sony Music)

Genre: Prog Metal

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DREAM THEATER

Man erinnert sich noch an die Konzerte zum zwanzigsten Jubiläum, nun sind die Prog Metalfürsten doppelt so alt und immer noch voll dabei. Acht Studioalben waren es zur Halbzeit, weitere acht kamen hinzu, wenngleich die nicht mehr die Relevanz erreichen dürften der Klassiker. Dennoch erschaffen DREAM THEATER immer neue Welten, zuletzt mit einem Semi-Konzeptalbum über Schlafstörungen. Das stand bei der Geburtstagssession quer über den Kontinent eher im Hintergrund und ist aktuell in den USA in voller Länge zu bewundern neben „A Change Of Seasons“. Ebenso gefeiert wurde die Rückkehr des verlorenen Sohns Mike Portnoy. Natürlich wird so ein Ereignis festgehalten, nach London bei der letzten DVD ist diesmal die französische Hauptstadt Schauplatz von „Quarantième: Live À Paris“.

Und wenn so eine Größe im Musikgeschäft einen Runden feiert, wird natürlich nicht gekleckert, das Intro spielen die Fünf hinter einem Vorhang, der zum Hauptriff fällt und den Blick auf die riesige Leinwand frei gibt. Darauf flimmern die ganze Zeit Installationen, ob psychedelische Kaleidoskope in den instrumentalen Passagen, Videos oder auch eine Collage an Artworks im Introtape zum zweiten Teil. Der wieder eigestiegene Drummer thront hinter auf einem mächtigen Riser, wo auch noch Keyboarder Jordan Rudess Platz findet. Sein Kit ist weiter als das seines Ersatzes, dafür nicht so hoch gebaut, damit der Mann besser Kontakt zum Publikum halten kann. Das ist ihm wichtig, neben Frontmann James LaBrie kommt viel Kommunikation von Portnoy, nicht nur Backgroundvocals, so ist die Verbindung von Beginn an zu spüren.

„Metropolis“ eröffnet den Reigen, an das sich Teile der Fortsetzung „Scenes From A Memory“ anschließen, weitere Teile davon gibt es in der Zugabe. Das Referenzwerk „Images And Words“ kommt ebenfalls öfter zum Zug, überraschenderweise nichts von „Black Clouds And Silver Linings“, dafür sogar Nummern aus den Platten ohne das Gründungsmitglied. Interessant die Übergänge, wie etwa von „Vacant“ zum instrumentalen „Stream Of Consciousness“, wie allgemein harte sehr ruhigen Stücken gegenübergestellt werden. Was begeistert ist die Spielfreude, die trotz all der Konzentration auf die komplexen Strukturen und der langen Tour kein bisschen nachlässt. Zu sehen wie Petrucci Blicke mit dem Schlagzeuger tauscht, wenn er rechts neben ihm auf dem Podest auftaucht ist einfach pure Leidenschaft.

Vorne hat der Gitarrist wie immer sein kleines Podest stehen, auf welches er lässig einen Fuß stellt, wenn er zu seinen Abfahrten ansetzt. Bei der Show stand aber eher sein feines Gespür im Vordergrund, denn sein Geschredder, was ihm sehr gut zu Gesicht steht. Besonders bei „Hollow Years“, das in der Demoversion dargeboten wird, und man sich wundert, warum die nicht auf „Falling Into Infinity“ gelandet ist. Fast floydeske Töne bringen zum Träumen, bevor das eigentliche Lied einsetzt, im Solo fällt er von dezent bluesigen Anleihen in einen brillanten Lauf. Am Ende bringt sich noch der Tastenmann mit feinen Pianoklängen ein, teilweise im Duell mit Portnoy, zu dem er in dem Moment den Kontakt hält. Alles wunderschön fließend, mit das Genialste, was ich je von der Formation zu hören bekam.

Gerade der Virtuose an den Synthesizern weiß immer wieder Akzente zu setzen, spielt sich mit John Petrucci die Bälle hin und her. Was er an Sounds hervor zaubert ist nicht von dieser Welt, im wilden Wirbel seiner Finger werden auch noch die Einstellungen an seinem Arbeitsgerät justiert. Jenes kann er nach allen Seiten drehen, um die Perspektive zu wechseln, oder auch gekippt werden. Dabei kann man an dem LED-Band schon gut sein Spiel beobachten, da dort die jeweils bediente Taste aufleuchtet, was teilweise zu Schwindelanfällen führt. Das reicht dem Tüftler nicht, so hat er hinter sich ein kleineres Teil stehen, mit dem er die flächigen Klänge gänzlich stufenlos abbilden kann. Vor ihm steht John Myung in Sachen Finesse in Nichts nach, was er am sechssaitigen Bass abliefert, seine dünnen Finger in irrem Tempo darüber rauschen lässt die Münder offenstehen.

Da verzieht sich LaBrie öfter hinter die Bühne, um seinen Kollegen den Raum zu überlassen. Wobei er mittlerweile ganz gut weiß, sich zu bewegen, wenn er nicht singen muss, die Energie der Musik transportiert er in amtliche Headbangattacken. Auch sonst ist er viel unterwegs, animiert immer wieder die Menschen, die sich durchweg von ihren Sitzen erheben. Was auch für die ruhigen Parts gilt, bei dessen Intonation sich der Sänger ergriffen am Bandlogo festhält, das an den Mikrofonständer angeschweißt ist. Wenn er Fahrt aufnehmen muss, umschifft er die ein oder andere hohe Klippe gekonnt, die ganz große Leichtfüßigkeit der Melodien erreicht er nicht mehr. Dennoch beweist er sich als charismatischer Frontmann, dem die Zuschauer gerne folgen, und bei „The Spirit Carries On“ ein Lichtermeer zaubern.

Doch es ist nicht nur der fast dreistündige Gig, der zu begeistern weiß, sondern auch wie er auf „Quarantième: Live À Paris“ eingefangen wurde. Klangtechnisch ist alles sehr differenziert zu vernehmen, gerade die epischen Abschnitte erhalten gehen voll im Raum auf, den ihnen der Mix gewährt. Einzig vom Publikum könnte man mehr hören, man sieht die Menschen mitsingen, es kommt nur wenig davon an. Optisch werden diese besser in Licht gestellt, immer wieder schwenkt die Kamera zu ihm, wobei die Einstellungen generell das große Plus der DVD sind. Wie die Musiker in Szene gesetzt werden ist ganz großartig, die Stimmung innerhalb der Band wird toll dargestellt, die Kamera ist immer am richtigen Ort. Dazu wechseln die Schnitte nicht so oft, bleiben teils sehr lange auf dem gerade im Fokus befindlichen Objekt.

Die dadurch erzeugten Einblicke kommen durch Nahaufnahmen noch besser zur Geltung, man kann den Cracks so genau auf die Finger schauen, jede Bewegung ist perfekt eingefangen. Oder auch die Totalen auf die Bühne mit der starken Lightshow und umgekehrt über das Drumkit hinweg, besonders wenn überall in der Halle die Handytaschenlampen angehen. Man wähnt sich als Zuschauer mitten im Geschehen, als wäre man in der Halle, es kommt unheimlich viel Nähe zu den Künstlern auf. Mit der Umsetzung wird man der Qualität der Truppe gerecht, endlich kommt ihre Klasse auch mal auf DVD adäquat rüber. Der gute James meint in seiner ersten Ansprache, er könne selbst nicht glauben, dass DREAM THEATER schon so lange existieren, doch egal wie lange, ihre Musik wird bestehen bleiben, hier wird demonstriert, dass sie zurecht da oben stehen.

8,5 / 10